Wallis 2010

Hochtour 2010
Gran Paradiso, Monte Rosa und Mont Blanc
30. Juli – 7.(9.) August

Bericht: Frederik Naraschewski, Robert Enggruber, Johannes Guggenberger
Fotos: Frederik Naraschewski, Klaus Schober

Schon seit Wochen fiebern wir unserem Sommer-Highlight entgegen. „4000er sammeln im Wallis“, so der Titel der Ausschreibung, verheißt Gipfelglück am laufenden Band. Aber schön der Reihe nach.
Die Anmeldeliste ist schnell mit 10 Teilnehmer gefüllt und eine Hand voll steht noch auf der Warteliste, als wir uns zur 1. Vorbesprechung treffen. Bis es dann endlich los geht schrumpft die Truppe dann doch noch auf 9 Teilnehmer und wäre da nicht die Salzburg-Connection von Tourenguide Wig, es wäre glatt ein Platz leer geblieben.
Die Teilnehmer sind bunt gemischt und kennen sich nur teilweise von früheren Sektionstouren. Im Einzelnen sind das der Werner, frischgebackener Hochtourenkurs-Absolvent, der Franz aus der Schwand, ein zacher Hund, dann der Hannes, Ex-Hochgebirgszügler mit einer Leidenschaft für Hinkelsteine, Guggi + Klausi, sind schon so manche Steileisrinne zusammen hochgepickelt, die Gerli, sie verschärbelt Mini’s und bringt den Salzburger Schmä ins Hochgebirge, der Frederik, der gerade versucht jeden seiner von zu Hause aus sichtbaren Berge zu erklimmen, die Angelika, die sich bereits im Engadin mit Peter Storck warmgelaufen hatte, Gerti + Robert, mit der denen ich den ersten Teil des Berichts schreibe und die für alles, was bergauf geht, zu haben sind und natürlich unsere Guides Klaus + Wig, wo am Seil die Erfahrung förmlich zu den Teilnehmer krabbelt.
Bereits die Anreise mit unseren 3 Campingbussen ist eine tolle Einstimmung auf das was kommt. Wir entfliehen bereits am Vorabend des Anreisetages dem regnerischen Bayern und hoffen sehnsüchtig auf eine trockene und warme Nacht auf der Alpensüdseite. Am südlichen Gardasee findet sich ein ruhiges Plätzchen und nach einem Gute-Nacht-Bierchen kommt in den Bussen bereits Hüttenstimmung auf.
Am nächsten Tag geht es über Mailand und Turin in das Aosta-Tal, wo wir zuerst nach Süden Richtung Gran Paradiso abbiegen. Bei der Ankunft in Pont zeigt sich das Wetter von seiner besten Seite und wir beginnen nach letzten Packaktionen den Hüttenanstieg. Über einen nahezu perfekten Steinpfad geht es die 800 Hm hoch zum Rifugio Emanuele auf 2732m. Nach 2,5 Std. beziehen wir unsere Zimmer in der Hütte, die mit ihrem tiefgezogenen Blechdach an einen herumliegenden Flugzeugrumpf erinnert. Es ist voll, gegessen wird in 2 Schichten, aber die Stimmung in der Abendsonne wollen wir ohnehin draußen genießen.

 

 Es ist Samstag und als Eingehtour steht der La Tresenta mit 3609m auf dem Programm. Über die Schuttmoräne geht es hinauf zum Montcorve Gletscher, wo wir endlich die Steigeisen an die Füße kriegen. Wir queren nach Osten und steigen die letzten 200Hm durch teilweise recht grobes Blockwerk zum Gipfel. Wir sind gut in der Zeit und machen uns nach der obligatorischen Brotzeit etwas südlicher an den Abstieg. Nach dem wir noch die letzte Felskante abklettern stehen wir wieder am Gletscher. Wir nutzen den Nachmittag und üben noch einmal die Grundlagen des Spaltenbergens sowie den Aufstieg am Fixseil. Zurück an der Hütte gibt es das verdiente Gipfelbier, das wir am hütteneigenen Stausee genießen.
 

Sonntag, endlich steht der erste 4000er auf dem Programm. Wir entgehen der allgemeinen Morgenhektik indem wir eine halbe Stunde später als alle anderen aus unseren Schlafsäcken schlüpfen. Der Anstieg zum Gran Paradiso schlängelt sich über ein Hochtal hinauf zu den unteren Ausläufern des Gletschers. Nach 1,5 h ziehen wir die Steigeisen über und überholen bereits die ersten Frühaufsteher. Wir marschieren in zwei 6er Seilschaften den ausgetreten Gletscherpfad bergan und stellen bald fest, dass Überholmanöver in dieser Gruppengröße kaum machbar sind. Meist wird aber kameradschaftlich Platz gemacht und wir sind bereits in Sichtweite des Gipfels, als die Sonne über den Bergrücken steigt und wir einen kurzen Stopp einlegen. ½ Stunde später stehen wir kurz unterhalb des Gipfels. Das Gedränge und Gekraxle zum Gipfel ist beachtlich. Wir deponieren die Rucksäcke und kämpfen uns durch den Gegenverkehr zur weißen Madonna. Auch wenn wir aus Platzmangel nicht ganz oben stehen, haben wir zum ersten Mal die 4000er Marke mit 4060m geknackt. Abstieg wie Anstieg. In Sichtweite der Hütte biegen 4 Jungs zum kleinen Wasserfall ab. Als der Rest bereits beim Bier an der Hüttenmauer sitzt kommen die Herren frisch geduscht zurück. Das Wasser fliest fließt vorher über dunklen Fels und ist dadurch erträglich warm, behaupten sie zumindest. Hannes hat auch endlich einen schönen Hinkelstein gefunden und beschließt kurzerhand noch zum Parkplatz abzusteigen, damit das gute Stück nicht geklaut wird. Dem Franz ist auch noch fad und er schnappt sich die beiden Seile und begleitet Hannes ins Tal. 3 Std. später sind sie wieder da, Respekt!
 

Das Wetter war perfekt für diesen ersten Teil unserer Tour und wir steigen am nächsten Tag ab um zum Monte Rosa zu wechseln. Während alle noch Proviant besorgen, bekommt Guggi noch kurz seine ausgebissene Zahnbrücke angeklebt. Um 14 Uhr besteigen wir am Talschluß in Staffal die Seilbahn hinauf zum Punta Indren. Der Himmel zieht zu und an der letzten Gondel verschwinden die Seile im Wolkennebel. An der Bergstation empfängt uns ein Graupelschauer vom Feinsten. Wir schlüpfen in die Regenklamotten und marschieren in der ersten Pause los, erreichen das Rifugio Mantova kurz bevor noch einmal ordentlich Graupel auf uns nieder prasselt. 45 min später erreichen wir unser Tagesziel, das Rifugio Gnifetti auf 3874m. Zu diesem Zeitpunkt quält mich bereits seit 2 Tagen meine Blase an der Ferse und als ich abends unter dem Tape unappetitliches entdecke steht endgültig fest, das der 2. Teil ohne mich stattfindet.
 

Den spektakulärsten Blick von der Hütte zu den Gipfeln und dem hinter der Hütte liegenden Gletscherbruch hat man vom Donnerbalken aus und das Ambiente passt ganz gut zu meiner Stimmung, als ich am nächsten Morgen den anderen beim Anstieg zum Gletscherplateau hinterher sehe. Die letzten Wolkenfetzen lösen sich gerade auf und es wird ein sonniger Tag als mich an den Abstieg zurück zur Bergstation der Seilbahn mache.

Nachdem der Gran Paradiso die „Eingewöhnungstour“ war und wir beim Hüttenwechsel die meisten Höhenmeter an die Bergbahn outsourcen konnten, wurde es am nächsten Morgen ernst. Vor uns lag der spektakulärste Tourentag mit insgesamt fünf 4000ern, die eingesammelt werden wollten. So ein bisschen flaues Gefühl hatte ich schon, immerhin war der Gran Paradiso mein erster 4000er gewesen (hatte mich daher auch schon eine Runde Schnaps auf der Emanuele gekostet ;-) und meine Gedanken schwirrten zwischen „hoffentlich geht das alles gut???“, „das packen wir, der Gran Paradiso war ja auch problemlos“ und „muss ich heute Abend schon wieder einen ausgeben?“. Halt die normale Anspannung vor so einem Tourentag.
Da der Gletscher nur einen Schneeballwurf von der Hütte entfernt war, ging es gleich mit Seil und Steigeisen los. Der Weg führte mit moderater Steigung auf das obere Gletscherplateau, von dem aus sich die 4000er in einer Kette aneinander reihten. Es war deutlich kälter und windiger und nach kurzer Zeit musste ich feststellen, dass das Wasser im Schlauch von meinem Trinksystem gefroren war… nicht weiter schlimm, da ich noch eine andere Flasche mit warmen Tee dabei hatte, aber so etwas lässt unsere Tour gleich noch viel dramatischer erscheinen.
Nach einer Stunde hatten wir das Plateau erreicht, von dem aus Klaus sofort zielsicher die Vincentpyramide ansteuerte. Diesen ersten Gipfel kann man als sanfte Kuppe beschreiben, die außer der Höhe keine nennenswerten Schwierigkeiten brachte und so standen wir schon bald auf 4215m, neuer höchster Gipfel! Nach kurzer Pause ging es weiter Richtung Balmenhorn, das einen kurzen aber dafür umso eisenhaltigeren Klettersteig zum Gipfel hat (4167m). Palmen gibt es da oben zwar keine, aber trotzdem kann man sich so den Namen des Berges gut merken.
 

Die 4000er gab es nun wirklich am laufenden Band, aber die Schwierigkeit steigerte sich. Als nächstes war das Schwarzhorn an der Reihe. Den steilen Endanstieg stieg Klaus vor und ebnete uns so den Weg bis fast auf dem Gipfel (4321m). Da ein paar Kletterer am Gipfel gerade abgeseilten, blieben wir aus Platzmangel kurz unterhalb… zählt aber trotzdem als neuer höchster Berg! Nach kurzem Bergab bergab und -auf konnten wir uns auf der Ludwigshöhe in 4341m Höhe schon wieder gratulieren… so langsam wurden die neuen (persönlich) höchsten Berge inflationär und einer Stand stand für heute noch auf dem Programm: Die Signalkuppe mit der Margherita Capanna auf ihrer Spitze (4556m), das Ziel für unseren heutigen Tag und höchste Hütte der Alpen… dort wollen wir dann übernachten oder - entsprechend der Höhe - eine Nacht verbringen. Der Anstieg dazu zog sich über das Gletscherplateau im weiten Bogen hinauf, um im Endanstieg in ein paar Serpentinen direkt zur Hütte zu führen… am Ziel lagen wir uns alle vor Glück in den Armen. Wir hatten es geschafft!!! Und die erneute Gratulation zu einem neuen höchsten Berg war längst überfällig, die letzte lag schon über zwei Stunden zurück.

 Der Blick von da oben war einfach überwältigend… das Matterhorn wurde zum favorisierten Fotoobjekt und zusammen mit dem Sonnenuntergang lässt sich dieses Motiv auch nur noch schwer toppen. Freudigerweise hatte keiner von uns ernsthafte Probleme mit der Höhe und ich konnte dort oben sogar etwas schlafen. Damit hatte ich vor der Tour eigentlich nicht gerechnet. An dieser Stelle muss ich daher die Tourenplanung von Wig und Klaus ausdrücklich loben, die uns wirklich behutsam an diese Höhe gewöhnt hatte.


Am nächsten Morgen, nach einem doch etwas spartanischen Frühstück (die Auswahl ist in 4556m Höhe nicht all zu groß), ging es bei blauem Himmel weiter. Unser nächstes Ziel war die Zumsteinspitze, die mit 4563m immerhin 7 Meter höher als die Signalkuppe ist. Nach ausgiebiger Fotosession, natürlich mit total gestellten Bergsteigerfotos vor den Schweizer Bergen, ging es schließlich wieder langsam in Richtung Rifugio Gnifetti. Als letzten Berg haben wir auf dem Rückweg noch die Parrot-Spitze (4436m) mitgenommen. Nach kurzen kurzem aber entsprechend anstrengenden Anstieg kamen wir auf den Gipfelgrat, der doch recht schmal war… und an beiden Seiten gut runter ging… so hieß es noch einmal volle Konzentration, auf jeden Schritt achten und immer schön das Seil gespannt halten, so dass der Vordermann nicht darauf steigt… nachdem wir über den Gipfel waren und über eine kurze Felspassage wieder das Gletscherplateau erreichten, musste ich feststellen, dass ich außer dem Schnee vor meinen Füßen rein Garnichts vom Gipfelpanorama gesehen hatte…


 


Nach ausgiebiger Brotzeit, sind wir dann auf gleichen Weg wie am Vortag wieder abgestiegen. Da wir deutlich vor unserem Zeitplan lagen, gingen wir gleich weiter zur Bahnstation am Punta Indren und waren zur Mittagszeit schon wieder unten im Tal. Dort wartete bereits Robert auf uns, der inzwischen seine Blasen wieder unter Kontrolle gebracht hatte und die verschiedenen Campingplätze in der Nähe ausgekundschaftet hatte.
Auf dem Rückweg konnten wir natürlich nicht an den vielen Gumpen, die in dem Bach neben der Strasse zu finden waren, einfach vorbei fahren, sondern legten auch hier noch eine Badepause ein.

Nach diesem Abschnitt auf unserer Tour stellte sich schließlich die Frage: Ist das Wetter übermorgen gut genug für den Mont Blanc? Es wurde daher kein möglicher Wetterbericht ausgelassen… aber dummerweise haben alle ungefähr das gleiche gesagt: Morgen Regen und Übermorgen im Laufe des Tages Wetterbesserung… reicht das aus für eine Besteigung? Wir beschlossen am nächsten Morgen erneut den Bericht abzufragen und dann zu entscheiden…

Leider brachte der Wetterbericht am nächsten Morgen keine wesentliche Verbesserung und eine Verschiebung der Übernachtung auf der Cosmique war auch nicht möglich, weil das am Mont Blanc für 12 Personen am Wochenende schlichtweg nicht geht. Schließlich beschlossen wir unseren Gipfelversuch abzubrechen, da es einfach keinen Sinn machte am nächsten Morgen um 2 Uhr in der Früh festzustellen und da der Aufstieg aufgrund von Nebel zu riskant war. So machten wir uns wieder auf den Weg gen Heimat, allerdings nur zu zehnt, da Klaus und Guggi auf keinen Fall nach Hause wollten und dort blieben… (und insgeheim bestimmt noch auf ein Wetterfenster für den Mont Blanc gehofft haben).

Klar –wir waren heiß auf den Mont Blanc. Unser alter Tourenspezl Anderl Mürken hatte die Woche zuvor die Latte hoch gelegt. Er war quasi von daheim nach Chamonix geradelt und hat nach einer Ost-West-Transalp und x-tausend Mounty-Höhenmetern noch den Mont Blanc draufgesetzt.
Es sah zunächst auch ganz gut aus, ab Freitag Nachmittag war wieder schönes Wetter gemeldet, für den Monte-Rosa schon ab Freitag früh. Wir fuhren kurzerhand von Gressoney wieder mit der Seilbahn rauf zur Punta Indren und kamen in der Mantova Hütte (ca. 100 m unterhalb der Gnifetti) im Winterraum unter. In der Nacht tobte so ein starker Föhnsturm, dass wir Angst hatten, es weht uns über die Klippe runter, auf der wir in dem etwas wind- und schneedurchlässigen Verschlag ausgesetzt waren. An Schlaf war für mich jedenfalls nicht zu denken.
Wie auf Bestellung flaute am nächsten Morgen der Sturm schnell ab und wir fanden uns bei herrlichstem Wetter um ca. 7:15 am Einstieg zum Liskamm wieder. Von drüben strahlte der Mont Blanc in schönstem Morgenlicht herüber – keine Spur von Schlechtwetter!
Vor uns hatten schon zwei andere gespurt und so stapften wir den schmalen Anstieg schnell nach oben. Auf dem ausgesetzten Grat, wo wir auf verblasenem Neuschnee dahinbalancierten, wurde uns jedoch sehr schnell mulmig. Ein Weitergehen erschien uns bei den Schneeverhältnissen zu riskant, obwohl wir die anderen beiden bereits zum Gipfel steigen sahen. Hin- und hergerissen drehten wir schließlich um – zeitlich wäre es sonst auch knapp geworden, da wir vor hatten, heute noch die Gondel auf die Aiguille du Midi zu erwischen.


 
Mittag waren wir wieder in Gressoney und machten uns sofort auf Richtung Mont-Blanc-Tunnel. Unterwegs rief ich auf der Cosmique-Hütte an, ob es denn heute, wenn schon nicht für zwölf, vielleicht doch für zwei Personen Platz gäbe. Die Antwort war niederschmetternd: Es wäre zwar jede Menge Platz, die ganze Hütte wäre leer, kein Mensch ginge jedoch über die Tacul-Maudit-Route auf den Mont Blanc: wegen Lawinengefahr! So war auch die Auskunft im Bergsteigerbüro später in Chamonix und es sollte sich auch die nächsten ein bis zwei Tage nicht großartig bessern. Es blieb noch die Route über die Goûter-Hütte: 2000 hm Anstieg in Plastikschuhen, die Überquerung des berüchtigten Grand Couloirs und ein Lager unter einem Tisch – auch keine schöne Vorstellung. Irgendwie wollte uns der Berg nicht, so redete ich mir ein. Meine Moral war nach der schlaflosen Nacht und den Rückschlägen absolut am Boden und ich bereute schon, dass ich nicht mit den anderen heimgefahren war. Auf der anderen Seite – wir waren in Chamonix, akklimatisiert und das Wetter versprach bombig zu werden. Außerdem hatte ich eine zaache Sau an meiner Seite, die ich nicht mehr vom Fleck bekam.
Nach einer ruhigen Nacht auf dem Campingplatz in Les Houches – endlich wieder ausschlafen! - fuhren wir bei strahlend schönem Wetter gegen 8:30 mit der Bellevue-Seilbahn rauf zur Bahnstation der Tramway du Mont Blanc auf 1800 m. Da die erst wieder nach 40 min fuhr, machten wir uns zu Fuß auf den Weg, das würden wir schneller schaffen. Das letzte Stück der Zahnradbahnstrecke war sowieso wegen Bauarbeiten außer Betrieb. Wir stiegen einen ganz ordentlich steilen Weg durchs Gebüsch nach oben und kamen etwa zeitgleich mit der Zahnradbahn am Col du Mont Lachat an. Von da an ging es die ersten 700 hm einen Steinhaufen rauf, was vor allem im oberen Teil auch etwas mühsamen war. Der Weg den Schienen entlang zum Nid d’Aigle wäre deutlich leichter gewesen. Oben am Kamm leisteten wir uns eine kleine Pause bevor es zum zweiten Aufschwung zur Tête-de-Rousse-Hütte (3167 m) ging, wo auch das erste Schneefeld zu überqueren war. Wir spekulierten schon darüber, was wir tun würden, wenn wir auf der Goûter keinen Platz mehr bekommen würden – weitergehen zur Vallot-Hütte oder vielleicht noch weiter ...? Oberhalb des Schneefeldes rannten wir durch das berüchtigte Grand Couloir, was uns mit den Erzählungen verglichen eher weniger erschreckend vorkam. Auf dem anschließenden Fels-Schotter-Pfeiler, an dessen Ausstieg unmittelbar die Goûter-Hütte (3817) liegt, kletterten wir die 600 m nach oben. Die Touristenmassen am Mont Blanc bekamen wir an diesem Flaschenhals am meisten zu spüren. Immer wieder musste ausgewichen und gewartet werden, um etliche absteigende Seilschaften vorbeizulassen oder langsamere zu überholen. Gegen 15:00 erreichten wir schließlich die Hütte. Natürlich war da nichts mehr frei. Der Tag war herrlich und nach einer warmen Suppe und Brotzeit stand für uns fest: nach 2000 hm und noch in guter Kondition schaffen wir die letzten 1000 hm auch noch – zumindest bis zur Vallot-Hütte. Um 16:45 stapften wir also vom Col hinter der Hütte am Seil die breit ausgetretene Autobahn rauf zum Dôme de Goûter, dann den weiten Sattel rüber zur unbewirtschafteten Vallot-Hütte (4362 m). Die war ziemlich unappetitlich, da viele sie offenbar als geschützte Toilette benutzten. Außer uns waren nur 9 Franzosen unterwegs, sonst sahen wir keinen Menschen mehr. Nach kurzer Rast ließen wir das Seil dort und gingen die letzten 450 hm auf der Schulter des Berges an. Die unteren 200 - 300 hm ging es auch recht zügig – die Franzosen ließen wir weit hinter uns – dann nahm mir doch die Höhe etwas den Atem. Die Flecken im weißen Schnee neben der Spur wechselten auch langsam schön bunt von gelb über orange zu rot.
Nur noch zwei Aufschwünge, Klausi winkt mir schon kurz unterhalb vom Gipfel. Atmen - 50 m gehen - atmen, als diplomierte zaache Sau schaffe ich im Geländegang die letzten Steigungen. Plötzlich klingelt das Handy – meine bessere Hälfte will wissen wo wir sind. Ja am Mont Blanc – wo am Mont Blanc? – ja oben halt, wo sonst! Die staunen nicht schlecht, am Samstag Abend viertel nach acht ein Anruf direkt am Gipfel des Mont Blanc. Der Rucksack bleibt in einer kleinen Senke liegen, dann geht’s die letzten 50 hm zum Gipfel auf 4807 m. Schließlich stehen wir oben und können es kaum fassen. Es ist 20:30 und bestes Wetter. Ringsum keine Menschenseele, ein Ausblick vom Mittelmeer bis zur Bernina. Der gewaltige Schatten des Massivs streckt sich weit bis in die Po-Ebene. Überwältigt liegen wir uns in den Armen, besser kann man es nicht machen.


Langsam machten wir uns wieder an den Abstieg. Wie in Trance gingen wir dem überwältigenden Schauspiel des Sonnenuntergangs weit über den Bergen im Westen entgegen. Die Gletscherwelt des Mont Blanc wurde erst von der tiefliegenden Sonne in ein Rosa und schließlich in ein dunkles Rot getaucht. Im Westen funkelte uns noch die Venus entgegen, während im Osten alles überstrahlend der Jupiter aufging. Eine phantastische Neumondnacht begann sich langsam über uns zu spannen. Immer wieder blieben wir stehen und schalteten die Stirnlampen aus, um dieses einmalige Schauspiel bei klarstem Himmel zu bestaunen. Die Perseiden schütteten uns förmlich mit Sternschnuppen zu – aber was soll man sich in einer solchen Nacht noch wünschen? 3000 m unter uns funkelten die Lichter von Chamonix und den benachbarten Dörfern. Irgendwann kamen uns mitten in der Dunkelheit noch zwei Ukrainer entgegen, die zur Vallot-Hütte wollten, wo auch die Franzosen trotz Gestank geblieben sind. Es hatte schon etwas außerirdisches an sich. Wie im Traum schlichen wir weiter bergab, sodass wir erst um ca. 0:30 wieder auf der Goûter-Hütte ankamen. Dort kehrte bald Leben ein und so konnten wir es uns zwei Stunden später im fast leeren Lager gemütlich machen und noch etwas Schlaf nachholen. Um sechs Uhr sind wir dann wieder raus, damit wir frühzeitig den Pfeiler runter und durch das Grand Couloir kamen. Der Mont Blanc stand in Wolken! Um 10:30 nach etwa 24 h Stunden waren wir schließlich wieder an der Zahnradbahn.
Mittags machten wir uns gleich auf den Weg nach Hause über die Schweiz. In Zürich ließ uns das Getriebe von Klausi’s Camper im Stich. Auch ein Reparierversuch in Bregenz konnte nichts daran ändern, dass wir im vierten Gang in LKW-Tempo nach Hause fahren mussten. Schließlich kamen wir am Montag morgen gegen 2:30 morgens daheim an und ließen uns glücklich in die warmen Betten fallen.